Die Warnsignale lagen längst offen auf dem Tisch. Wer die Veröffentlichungen und Newsletter des Städte- und Gemeindebundes NRW aufmerksam gelesen hatte, konnte kaum zu einem anderen Schluss kommen: Die finanzielle Lage der Kommunen steuert mit voller Geschwindigkeit auf eine Wand zu. Förderprogramme wackeln, Haushalte geraten unter Druck, Investitionen werden zunehmend zum Risiko.
Eigentlich hätte genau dieses Wissen dazu führen müssen, dass Kommunen sofort auf Sicht fahren. Keine neuen Prestigeprojekte. Keine freiwilligen Luxusmaßnahmen. Keine politischen Wunschträume auf Pump. Stattdessen: Konzentration auf Pflichtaufgaben, Infrastruktur, Sicherheit und finanzielle Stabilität.
Doch vielerorts geschah das Gegenteil.
Auch in Dormagen scheint man die Warnungen eher als unverbindliche Empfehlung verstanden zu haben. Anders lässt sich kaum erklären, warum trotz der bekannten Haushaltsrisiken weiterhin Projekte verfolgt werden, die man höflich formuliert als „verzichtbar“ bezeichnen könnte. Oder weniger höflich: als politische Wohlfühlprojekte in Zeiten leerer Kassen.
Ein besonders symbolträchtiges Beispiel ist die geplante Umgestaltung eines Brunnenplatzes „für das Klima“ – Kostenpunkt: rund 1,1 Millionen Euro. In einer Phase, in der längst absehbar war, dass Fördermittel unsicher werden und Kommunen finanziell an ihre Grenzen geraten, wirkt ein solches Vorhaben nicht wie verantwortungsvolle Haushaltspolitik, sondern wie Realitätsverweigerung mit Landschaftsarchitektur.
Denn das eigentliche Problem ist nicht allein das Projekt selbst. Das Problem ist die Haltung dahinter: das stoische „Weiter so“. Statt Prioritäten neu zu ordnen, Ausgaben kritisch zu hinterfragen oder Projekte konsequent zu streichen, hält man an politischen Wunschlisten fest, als gäbe es kein Morgen. Offenbar in der Hoffnung, dass die Rechnung am Ende ohnehin jemand anderes bezahlt.
Und dieser „jemand“ ist wie immer der Bürger.
Denn wenn das Geld knapp wird, entdeckt die Politik plötzlich ihre Kreativität bei Steuern und Abgaben. Dann wird eben an der Grundsteuer gedreht, neue Belastungen werden diskutiert und zusätzliche Einnahmen organisiert. In Dormagen heißt das sinnbildlich: Die Bürger dürfen die Zeche zahlen, während die öffentliche Hand das Sparen lieber theoretisch behandelt.
Dabei ist Dormagen keineswegs ein Einzelfall. Das Problem zieht sich mittlerweile durch ganz Deutschland. Überall klagen Kommunen über leere Kassen, fehlende Mittel und wegbrechende Förderungen. Gleichzeitig fehlt vielerorts der politische Mut, tatsächlich zu sparen. Wirkliche Einschnitte bedeuten schließlich Verzicht — und Verzicht ist in der politischen Landschaft ungefähr so beliebt wie Schlaglöcher oder Stromausfälle.
Also macht man weiter. Ein neues Projekt hier, eine Umgestaltung dort, flankiert von wohlklingenden Schlagworten wie „Klimaanpassung“, „Aufwertung“ oder „Modernisierung“. Das klingt gut in Pressemitteilungen und auf Wahlflyern. Zahlen müssen es später andere.
Der Bürger hat sich in Deutschland längst an eine bemerkenswerte politische Logik gewöhnt: Wenn die öffentliche Hand sparen muss, spart sie selten bei sich selbst — sondern zuerst beim Steuerzahler. Und solange dieser bereit ist, immer höhere Belastungen hinzunehmen, besteht offenbar wenig Anreiz, den eigenen Umgang mit Geld grundlegend zu ändern.
Der Gemeindekongress 2026 dürfte deshalb weniger eine Zukunftskonferenz werden als eine Art Gruppentherapie für finanzpolitische Selbstüberschätzung. Die Frage wird nicht mehr sein, ob die Kommunen am Abgrund stehen. Sondern nur noch, wer sie mit Anlauf dorthin geführt hat.