Es klingt wie eine falsche Frage in einer Wallet voll Schulden: Warum genau jetzt ein 5-Millionen-Euro-Neubauprojekt für ein Sozialkaufhaus in Dormagen, direkt gegenüber dem neu errichteten Tafel-Gebäude? Die Argumente klingen auf den ersten Blick sinnvoll – zusätzliche Einnahmen, sozialpolitische Wirkung, ein Standort, der Besuchern Parkplätze bietet –, doch hinter dem Vorhang lauert die unbequeme Gegenfrage: Woher kommt das Geld, und wem nützt diese Investition wirklich?
Die nüchterne Bilanz der Stadt Dormagen liest sich weniger wie eine Investitionsstrategie als vielmehr wie eine Mahnung zur Priorisierung: Eine Gesamtverschuldung von rund 460 bis 493 Millionen Euro, Kassenkredite von 320.000.000 bis 343.000.000 Euro, eine pro-Kopf-Verschuldung von rund 6.470 Euro. In diesem Kontext spricht vieles gegen einen weiteren Großbau – und schon gar gegen eine jährliche Subventionszahlung von 200.000 Euro, rein formal betrachtet eine kleine Summe, faktisch aber eine weitere Belastung für den städtischen Haushalt, die sich langfristig niederschlägt.
Warum ein Neubau, obwohl leerstehende Gewerbeflächen vorhanden sind? Die logische Frage lautete: Könnte man nicht sanieren, vermieten oder anderweitig nutzen, statt noch eine neue Immobilie zu gestalten? Die vorhandene Immobilie mit ausreichenden Parkplätzen klingt nach einem klareren, wirtschaftlich sinnvolleren Startpunkt. Sanierungskosten werden oft unterschätzt, doch selbst wenn man die 5.000.000 Euro als maximale Obergrenze betrachtet, bleibt die Frage: Wäre dies nicht die teuerste Lösung in einer Zeit, in der der Haushalt knistert und die Bürgerinnen und Bürger bereits spüren, was Schulden bedeuten?
Auf der fiskalischen Seite steht das Versprechen, dass 90 Prozent der Einnahmen aus dem Verkauf der Produkte an die Stadt Dormagen zurückfließen. Doch wer garantiert die Höhe dieser Einnahmen? Welche Marktentwicklungen, Nachfrage-Trends oder saisonalen Schwankungen wurden in die Kalkulation eingearbeitet? Ein Projekt dieser Größenordnung lebt von Gewissheiten – und Gewissheiten in Zeiten einer hohen Verschuldung sind rar. Die Stadtverwaltung muss klare, belastbare Prognosen liefern, die über vage „Rechenkünste“ hinausgehen. Sonst bleibt es bei einem rhetorischen Gag der Haushaltskünstler, die Jahr für Jahr mit Zahlen jonglieren, ohne dass die Bürgerinnen und Bürger eine echte Gegenleistung sehen.
Der soziale Anspruch eines Sozialkaufhauses ist unbestritten wichtig. Doch Sozialpolitik darf kein Selbstzweck sein, der teure Prestigeprojekte rechtfertigt. In Dormagen scheint der Neustart eines Sozialkaufhauses eher als Signalwirkung gedacht – ein Symbol der Fürsorge in einer Zeit, in der die Kassen leer sind – als pragmatisches, nachhaltiges Wirtschaftsprojekt, das sich wirklich rechnet. Und hier wird scharf kritisiert: Wenn Schuldenberge und Liquiditätskredite schon das Tagesgeschäft bestimmen, sollte jeder neue Großbau kritisch hinterfragt werden. Nicht jedes gute Ziel rechtfertigt eine Investition, die andere Bereiche vernachlässigt.
Die politische Debatte muss sich auch fragen: Welche Alternativen wurden geprüft? Warum nicht die freistehenden Gewerbeflächen nutzen – inkl. einer präzisen Kosten-Nutzen-Analyse? Warum nicht Kooperationen mit bestehenden Anbietern, Förderprogrammen oder Fördermitteln prüfen, die weniger Belastung für den kommunalen Haushalt bedeuten? Warum nicht eine bedarfsorientierte, eher kleinere, schrittweise Umsetzung, die weniger Risiko birgt und Transparenz erhöht?
Der Text fordert eine klare, nachvollziehbare Begründung: Welches konkrete soziale, wirtschaftliche und gesellschaftliche Nutzen ergeben sich aus dem Neubau? Welche Einsparungen, welche zusätzlichen Einnahmen, welche Folgen für den Haushalt sind realistisch? Welche konkreten Maßnahmen gibt es, um das Projekt unabhängig von der Beitragshöhe der Bürgerinnen und Bürger finanziell zuverlässig zu steuern?
Gegenargumente einordnen – und entzaubern: Natürlich wird argumentiert, dass soziale Infrastruktur Priorität hat und dass eine zentrale Lage mit Parkplätzen Vorteile bringt. Aber soziale Infrastruktur ohne tragfähige Finanzierung ist ein Luftschloss. Gegenargumente, die auf bürgernahe Transparenz, faire Verteilung der Lasten und klare Zeitpläne abzielen, dürfen nicht als Bremser- oder Schwarzmalerei abgetan werden. Sie sind Kernelemente einer verantwortungsvollen Kommunalpolitik.
Abschließend bleibt festzuhalten: Dormagen steht vor einer Entscheidung, die mehr als nur ein Bauprojekt ist. Es geht um das Vertrauen der Bürgerschaft in eine Politik, die bei starkem Schuldenstand sorgfältig prüft, wo jeder Euro wirklich sinnvoll eingesetzt wird. Ein Neubau von 5.000.000 Euro plus 200.000 Euro jährliche Subvention klingt nach sozialem Engagement – muss aber zwingend in einer detaillierten Kosten-Nutzen-Analyse, mit plausiblen Einnahmenprognosen und einem nachvollziehbaren Plan für Alternativen stehen. Ohne diese Transparenz bleibt es bei einem Symbolprojekt, das den Blick auf die eigentliche Krise verstellt: Wie lange noch kann Dormagen so weiterwursteln, bevor der Schuldenberg unübersehbar wird?
Forderung an die Stadt Dormagen:
- Offene, publikumsnahe Budget-Darstellung inkl. Alternativprojekten und deren Kosten.
- Ein transparenter Vergleich Neubau vs. Nutzung leerstehender Immobilien samt Sanierungskosten.
- Konkrete, belastbare Umsatzerwartungen und Worst-Case-Szenarien für das Sozialkaufhaus.
- Ein klarer Zeitplan mit Meilensteinen und Verbindlichkeiten gegenüber den Bürgern.
- Ein Notfallplan bei Überschreitung der Kosten oder unterdurchschnittlichen Einnahmen.
Nur mit Transparenz, Prüfung aller Optionen und einer echten Nutzen-Kosten-Bewertung kann Dormagen entscheiden, ob ein Sozialkaufhaus in der aktuellen Finanzlage wirklich sinnvoll ist – oder ob das Projekt besser auf Eis gelegt wird, bis die Schuldenlast abgetragen oder die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stabilisiert sind.
