Dormagens Innenstadt: Veranstaltungen allein retten keinen Einzelhandel

Wenn samstags ab 13 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden, sollte man sich nicht nur fragen, wie man mehr Menschen in die Innenstadt lockt. Man sollte sich vor allem fragen, warum sie überhaupt noch kommen sollten.

Es ist mittlerweile ein vertrautes Bild: Samstagmittag in Dormagen. Während andernorts Menschen durch Einkaufsstraßen schlendern, Schaufenster betrachten, einkaufen oder spontan einen Kaffee trinken, kehrt in der Dormagener Innenstadt nach 13 Uhr zunehmend Ruhe ein. Die Stadt wirkt wie leergefegt. Ein Zustand, über den man sich beklagt – und den man offenbar mit verkaufsoffenen Sonntagen und zusätzlichen Veranstaltungen wie einem weiteren Kindercitylauf bekämpfen möchte.

Doch ist das wirklich die richtige Antwort auf das Problem? Oder versucht man hier, die Symptome zu bekämpfen, ohne sich ernsthaft mit den Ursachen auseinanderzusetzen?

Denn eine Innenstadt wird nicht dadurch lebendig, dass man möglichst viele Veranstaltungstermine in den Kalender schreibt. Sie wird lebendig, wenn es einen überzeugenden Grund und Angebot gibt, sie zu besuchen. Und genau dieser Grund scheint in Dormagen zunehmend verloren zu gehen.

Mehr Veranstaltungen, aber kein überzeugendes Innenstadt-Konzept?

Natürlich können verkaufsoffene Sonntage Menschen in die Innenstadt bringen. Auch Familienveranstaltungen und Aktionen für Kinder können für Leben sorgen. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Doch solche Maßnahmen sind bestenfalls eine Ergänzung zu einem funktionierenden Einzelhandels- und Innenstadtangebot. Sie sind kein Ersatz dafür.

Was passiert denn an den übrigen Samstagen? Was lockt Menschen in die Stadt, wenn gerade kein Event stattfindet? Welchen Anlass gibt es, nach Dormagen zu fahren, dort zu bummeln, einzukaufen und länger zu verweilen?

Genau hier liegt der entscheidende Punkt. Eine Innenstadt braucht mehr als ein Veranstaltungsprogramm. Sie braucht ein Angebot, das Menschen dauerhaft überzeugt – und zwar nicht nur die eigene Bevölkerung, sondern auch Besucher aus dem Umland.

Ein weiterer Kindercitylauf mag für einen Tag Leben in die Straßen bringen. Doch was ist am darauffolgenden Samstag? Wenn das eigentliche Angebot nicht stimmt, bleibt am Ende vor allem eines: eine Veranstaltung, die kurzfristig Frequenz erzeugt, aber die strukturellen Probleme des Standorts nicht löst.

Barber-Shops, Kioske und Co. ersetzen keine vielfältige Einkaufsstadt

Wer aufmerksam durch Dormagen geht, wird feststellen, dass sich das Bild vielerorts wiederholt: Barber-Shops, Shisha-Bars, Nagelstudios, Handyläden, Dampfer-Shops, Kioske und Imbissbetriebe prägen das Straßenbild. Solche Geschäfte haben selbstverständlich ihre Berechtigung. Sie bedienen eine Nachfrage, schaffen Arbeitsplätze und können zur Nahversorgung beitragen.

Doch die entscheidende Frage lautet nicht, ob es diese Geschäfte geben darf. Die Frage lautet, ob die Mischung insgesamt noch attraktiv genug ist, um eine Innenstadt als Einkaufs- und Aufenthaltsort interessant zu machen.

Und genau daran bestehen erhebliche Zweifel.

Wenn ein etabliertes Geschäft schließt, entsteht allzu oft der Eindruck, dass sich das Angebot anschließend kaum verändert: Wieder ein Kiosk, wieder ein Barber-Shop, wieder ein Nagelstudio oder ein weiterer Imbiss. Was hingegen fehlt, sind neue, besondere und vielseitige Konzepte, die Menschen neugierig machen. Geschäfte, bei denen man sagt: „Dafür fahre ich nach Dormagen.“ Oder noch besser: Geschäfte, von denen Menschen in den Nachbarstädten hören und deshalb einen Besuch in Dormagen einplanen.

Eine Innenstadt lebt von Vielfalt, von Überraschungen und von einer Mischung, die mehr bietet als das, was man ohnehin an vielen anderen Orten findet. Wenn diese Vielfalt verloren geht, verliert auch die Stadt an Anziehungskraft.

Wer einmal als Auswärtiger durch die Dormagener Innenstadt gegangen ist und dabei kaum etwas entdeckt, das einen zweiten Besuch rechtfertigt, wird vermutlich nicht so schnell wiederkommen. Das ist keine angenehme Feststellung. Aber es ist eine Frage, mit der sich eine Stadtentwicklung ernsthaft auseinandersetzen muss.

Auch das Einkaufen selbst muss attraktiv bleiben

Hinzu kommen die Rahmenbedingungen. Parkmöglichkeiten sind für viele Besucher ein wichtiger Faktor. Wenn das Parken teuer ist oder man längere Wege in Kauf nehmen muss, wird der Innenstadtbesuch nicht unbedingt attraktiver.

Natürlich lässt sich nicht jede Tür direkt mit dem Auto erreichen. Und eine Innenstadt muss auch nicht ausschließlich auf den Autoverkehr ausgerichtet sein. Aber sie muss für unterschiedliche Besuchergruppen gut erreichbar sein. Wer Menschen zum Einkaufen bewegen möchte, sollte deshalb auch darüber nachdenken, wie unkompliziert, bezahlbar und angenehm ein Besuch tatsächlich ist.

Auch die Einkaufsgalerie muss sich daran messen lassen, welchen Mehrwert sie für den Standort bietet. Wenn das Angebot dort nur begrenzt zum Verweilen und Einkaufen einlädt, entsteht kein überzeugender Gegenpol zu den Leerständen und der fehlenden Vielfalt in den umliegenden Straßen.

Eine lebendige Innenstadt ist kein Zufallsprodukt. Sie entsteht aus einem Zusammenspiel von attraktiven Geschäften, guter Erreichbarkeit, Aufenthaltsqualität, Gastronomie und einem Umfeld, in dem Menschen sich gerne aufhalten.

Fehlen mehrere dieser Faktoren gleichzeitig, helfen einzelne Aktionstage nur bedingt weiter.

Wirtschaftsförderung muss sich an Ergebnissen messen lassen

Damit stellt sich zwangsläufig auch die Frage nach der städtischen Wirtschaftsförderung.

Dormagen leistet sich eine eigene teuere Wirtschaftsförderungsgesellschaft. Damit ist eine Erwartung verbunden: Sie soll den Standort stärken, Unternehmen gewinnen, bestehende Betriebe unterstützen und neue wirtschaftliche Impulse setzen.

Doch woran wird ihr Erfolg gemessen? An der Zahl der Veranstaltungen? An einzelnen Aktionen? Oder daran, ob sich das Angebot der Innenstadt tatsächlich verbessert, Leerstände nachhaltig reduziert werden und neue, attraktive Geschäfte entstehen?

Diese Fragen müssen erlaubt sein.

Wenn sich das Erscheinungsbild der Innenstadt über Jahre hinweg kaum verändert und bei Geschäftsaufgaben immer wieder ähnliche Nutzungen nachrücken, sollte man zumindest überprüfen, ob die bisherigen Instrumente ausreichen. Es geht dabei nicht darum, einzelne Beschäftigte oder Unternehmen pauschal für die Entwicklung verantwortlich zu machen. Es geht um die Wirksamkeit der gesamten Strategie.

Welche Branchen fehlen in Dormagen? Welche Unternehmen könnten für eine Ansiedlung gewonnen werden? Was bietet Dormagen im Vergleich zu benachbarten Städten? Welche Hemmnisse halten interessante Einzelhändler davon ab, sich hier niederzulassen? Und welche konkreten Ziele verfolgt die Stadt, um die Innenstadt wieder zu einem attraktiven Einkaufsstandort zu machen?

Wer eine Wirtschaftsförderung unterhält, muss auch bereit sein, ihre Arbeit anhand nachvollziehbarer Ergebnisse zu bewerten. Strukturen allein schaffen noch keinen Fortschritt.

Die entscheidende Frage lautet: Warum sollte man nach Dormagen kommen?

Vielleicht wäre es an der Zeit, die Perspektive zu wechseln. Nicht zuerst zu überlegen, welche Veranstaltung als Nächstes organisiert werden könnte, sondern zu fragen, was Dormagen als Innenstadt überhaupt auszeichnet.

Was ist das Alleinstellungsmerkmal? Welche Geschäfte gibt es nur hier? Welche besonderen Angebote könnten Menschen aus dem Umland anziehen? Wie kann aus einer Ansammlung von Ladenlokalen wieder ein Ort werden, an dem man gerne Zeit verbringt?

Dafür braucht es eine klare Strategie, eine gezielte Ansiedlungspolitik und den Mut, auch unbequeme Fragen zu stellen. Es braucht ein Konzept, das nicht nur auf kurzfristige Besucherzahlen schaut, sondern auf eine langfristige Entwicklung.

Dazu gehört auch, offen zu prüfen, ob die vorhandenen Strukturen und Instrumente den gewünschten Erfolg bringen. Wenn nicht, muss nachgebessert werden. Das ist kein Angriff auf die Stadt, sondern eine notwendige Voraussetzung dafür, dass sich etwas verändert.

Eine Innenstadt lässt sich nicht herbeiveranstalten

Die Probleme der Dormagener Innenstadt werden nicht verschwinden, indem man den Veranstaltungskalender weiter füllt. Veranstaltungen können Impulse setzen. Sie können Menschen zusammenbringen und Aufmerksamkeit erzeugen. Aber sie können keine fehlende Angebotsvielfalt ersetzen, keine dauerhaft attraktive Geschäftsmischung schaffen und keine überzeugende Standortstrategie ersetzen.

Wenn die Innenstadt samstags ab 13 Uhr weitgehend leer ist, sollte das deshalb nicht nur Anlass für die Planung des nächsten Events sein. Es sollte ein Anlass zur Bestandsaufnahme sein.

Welche Geschäfte fehlen? Warum siedeln sich bestimmte Branchen immer wieder an? Weshalb gelingt es nicht, neue und attraktive Konzepte nach Dormagen zu holen? Und welchen messbaren Beitrag leistet die Wirtschaftsförderung dazu, diese Entwicklung umzukehren?

Dormagen braucht nicht zwangsläufig mehr Veranstaltungen. Dormagen braucht vor allem mehr Gründe, die Innenstadt zu besuchen.

Solange diese Frage nicht überzeugend beantwortet wird, bleibt die Gefahr bestehen, dass man mit großem organisatorischem Aufwand für einzelne belebte Tage sorgt, während das eigentliche Problem bestehen bleibt: eine Innenstadt, die für viele Menschen immer weniger Anlass bietet, überhaupt noch hinzugehen.

Und genau darüber sollte in Dormagen endlich eine ernsthafte Debatte geführt werden.

Schreibe einen Kommentar